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 Enigma Voyageur - Interview mit Michael Cretu
13
Jahre grandioser ENIGMA-Erfolg: Nach vier Studio-Alben und einer Greatest-Hits-CD;
gab es da bei Ihnen nicht die Überlegung, das Projekt ENIGMA zu beenden?
Michael Cretu: Schon 1990 beim ersten Album
habe ich mir diese Frage gestellt: Wenn ich einen bestimmten Maßstab,
den ich mir selber auferlegt habe, nicht mehr erfülle, dann wird es kein
zweites geben.
Und,
was gab 2003 den Ausschlag, dass es nun zum 5. Mal weitergehen konnte?
MC: Es gab schon einen Moment, wo ich glaubte,
alles erzählt zu haben. Aber wenn es mit ENIGMA überhaupt weitergehen
sollte, wollte ich dieses Album nicht mehr im alten Stil machen.
Nochmal
ein Blick zurück. Es gab doch mal einen Masterplan für 10 Jahre
ENIGMA?
MC:
Das stimmt. Insofern ist das 5. Album ein neues erstes. Das Ende von ENIGMA
der Phase 1. Und es ist mir eigentlich erst in den letzten Wochen meiner Arbeit
an dieser Platte gelungen, dass es wirklich ein ENIGMA-Album geworden ist.
Mir war wichtig: ENIGMA, aber anders! Es ist das erste ENIGMA-Album, das überhaupt
keine Samples beinhaltet. Es hat kein Leitmotiv, es gibt kein Ethno ..
Wohin geht die Reise bei „Voyageur“? Ist es der Beginn eines neuen
Zyklus?
MC: Jetzt habe ich keinen neuen großen
Plan. Aber natürlich ist – um es in der Fußballersprache
zu sagen – nach dem Spiel vor dem Spiel.
Die
Reise geht, urteilt man nach den Song-Titeln, „From East To West“,
von der „Sonne zum Mond“ und „aus dem Licht in den Schatten“.
MC: Das sind Facetten des alltäglichen
Lebens, Beobachtungen dessen, was sich um uns abspielt. Zwischenmenschliches.
Also Dinge, die ENIGMA in dieser Form nie behandelt hat.
Es
war bisher radikaler: Es ging um Sexualität, Religion …
MC: Ja, das waren metaphysische Geschichten,
aber das ist jetzt vorbei. Zwar ist das metaphysische Aroma noch da, doch
es wird nicht in Texten vordergründig umgesetzt.
Bei
ENIGMA gibt es ja immer das Begriffsklischee des Konzeptkünstlers, der
Konzeptalben erstellt.
MC: Nein, wenn ich mit der Arbeit beginne,
ist es so, als würde ich mir eine 10 000-km-Zugkarte lösen, aber
ohne Streckenvorgabe. Meine einzige Vorgabe war: Ich wollte ein Pop-Album
machen. Ich wollte Lieder schreiben. Ganz normale Lieder, aneinandergereiht.
Natürlich ist es nicht so banal, wie es jetzt klingt …
Aber
es gibt dieses Mal nicht die Kardinal-Idee?
MC: Nein, und die möchte ich mir auch
nicht unterstellen lassen. Aber es hat sich nun doch fast wieder ein konzipiertes
Album ergeben. Die Reihenfolge der Titel, wie sie heißen und wie sie
sind, allein das ergibt eine schlüssige Geschichte. Dies war wohl ein
unterbewusster Prozess. So ist „Voyageur“ sehr rund, sehr harmonisch
geworden.
Also
ein zufälliges Konzept?
MC:
Eigentlich glaube ich nicht an so viele Zufälle, bei einer so komplexen
und kontrastreichen Musik. Gerade in den letzten Wochen hatte ich so eine
Haltung, wie bei ENIGMA „MCMXC a.D.“: Ich mache, was ich will,
was mir gefällt und wie es mir gefällt. Von dieser Einstellung getragen,
wurde es immer besser. Mein Schicksal ist: Ich bin immer dann besonders gut,
wenn ich „against all odds“ bin. Wann immer ich versuche, mich
auch nur ein bisschen anzupassen, funktioniert es nicht.
Sie
sind Ihre eigene Band, Ihr eigener Komponist, Arrangeur, Ihr Orchester und
Solist. Wie kann man sich da auf einen Nenner beim Songschreiben einigen?
MC: Das ist eher ein fließender Prozess.
Es gibt so Tage, an denen ich spüre: Heute gelingt mir etwas. Ich versuche
meinem Kopf freien Lauf zu lassen. Ich muss mich im Moment des Entstehens
zum Nichtdenken zwingen, da bin ich der Künstler. Denken soll der Produzent.
Ich bin es mein Leben lang gewohnt, Solist, Dirigent, Kritiker in einer Person
zu sein. Dieser Spagat ist relativ schwierig.
Klingt
kompliziert. Arbeitet da eine multiple Persönlichkeit?
MC: Absolut. Vielleicht sind die Ursprünge
schon bei meinem Studium zum Dirigenten zu finden. Ein Dirigent ist auch eine
multiple Persönlichkeit. Er muss ein exzellenter Instrumentalist sein,
ein Komponist dazu …
…
aber singen muss er nicht?
MC: Das stimmt, ich übe mindestens sieben
Berufe in einem aus. Ich bin sogar noch Toningenieur!
Ist
aber der Entstehungsprozess von Musik nicht immer geprägt von Interaktion?
MC: Diese Interaktion besteht zwischen meinen
verschiedenen Berufen – die muss ich mir selber schaffen.
Wie
bringen Sie die nötige Disziplin auf?
MC: So viel Willenskraft, so viel Durchstehvermögen
wie ich es bei diesem Album bewiesen habe, habe ich zuvor noch nie aufgebracht.
Es war hart, verdammt hart. Deswegen bin ich jetzt auch so zufrieden, da ich
mir diese „Leistung“ eigentlich selber nicht zugetraut hätte.
Mir fehlte zwischenzeitlich der Freiraum für Musik. Und dass die Songs
trotzdem beinahe naiv klingen, dass dieses Spielerische nicht verloren gegangen
ist, auch das Kindliche nicht – das alles macht mich sehr froh.
Es
klingt in der Tat vieles sehr leicht, spielerisch, modern, inspirierend. Waren
Sie auf einer Reise und drücken mit diesem Album Ihre Impressionen aus?
MC: Genau so war es. Ich hatte viel Zeit verloren,
da ich immer wieder neue Sachen gesucht und ausprobiert habe. Aber die Songs
selbst sind für sich genommen in sehr kurzer Zeit entstanden. Dafür
ist die Zeit bis zum „Click“ oft sehr lang. Da ist es der Produzent
in mir, der den Musiker erst einmal laufen lässt.
An diesen Prozess habe ich mich gewöhnt. Alle vier ENIGMA-Alben vorher
sind auch so entstanden. Immer das gleiche Spiel. Die Frage war auch, wie
ich mich in einen leichten Rauschzustand bringe, den ich für meine Arbeit
benötige. Die besten Sachen entstehen im Zustand extremer Erschöpfung,
wenn ich zum Denken zu müde werde.
Aber
ist der kreative Kampf beim 5. ENIGMA-Album nicht noch größer geworden?
MC: Der Kampf war aus ganz anderen Umständen
so groß. Es war schon eine Reise vom Abschluss ENIGMA bis zur Wiedergeburt
von ENIGMA. Eine seelische Reise in mir. Es ist schwer für mich, darauf
zu antworten, weil mir meine Art zu arbeiten so in Fleisch und Blut übergegangen
ist, dass ich sie eigentlich nicht erklären mag. Auch aggressive Selbstkritik
gibt es bei mir. Und sich selber zu sagen: „Noch mal! Das kannst Du
noch besser.“ Ich bin ehrlich zu mir. Dadurch fällt es auch leicht,
Entscheidungen gegen den Künstler in mir zu treffen. Aber all das ist
für mich immer noch 10-mal einfacher, als mit einer Band zu arbeiten.
Bedeutet
die lange Arbeit an einem Projekt auch ein besseres Resultat für Sie?
MC: Ich messe Leistung doch nicht in Quantität,
sondern nur an der Qualität. Wenn einer durch einen Geistesblitz in drei
Sekunden mehr erwirtschaftet, als einer, der 17 Stunden am Tag ein Leben lang
malocht, dann kann doch der mit dem genialen Einfall nichts dafür.
Sehen
Sie sich als Trendsetter?
MC: Ich bin ein Querdenker. Musikalisch bin
ich schon immer ein pazifistischer Anarchist gewesen. Und ich muss anders
sein als alle anderen, sonst macht es mir keinen Spaß.
Sie
suchen also den Zeitgeist?
MC:
„Voyageur“ ist modern, im dem Sinne, dass es dem Zeitgeist entspricht,
es enthält jedoch keine Sounds, die man derzeit irgendwo anders hören
kann. Das Album ist frei von anderen Inspirationen. Ich schöpfe dieses
Mal nur aus mir selbst.
Aber bestand nicht ein Reiz von ENIGMA darin, dass es immer ein Spiel
zwischen Epochen und Kulturen war?
MC: Ich hatte nichts gehört, was mir
eine Idee, einen Lichtblitz gab, den es zu verfolgen galt. Diesem Sound, dieser
Stimmung bin ich nicht begegnet. Das neue ist, dass ENIGMA erstmals nur aus
dem besteht, was ich mache. Es hat weniger externe Einflüsse als je zuvor.
Wie
fällt bei Ihnen die Entscheidung, dass ein Song, ein Album „fertig“
ist?
MC: Es ist kein logisch erklärbarer Moment.
Ich will meine Vorstellung umsetzen, und ein Song, eine CD muss das rüberbringen,
was ich mir vorgestellt habe. Die Emotion.
Ist
es schwer, den Moment zuzulassen, dass etwas vollendet ist? Dass man mit sich
zufrieden ist?
MC: Das musste ich lernen. Aber ich habe immer
eine Vision, der ich folge. Ich gehe meinen Weg, kristallklar. Ich habe mit
den Jahren gelernt, auch loszulassen. Zu sagen: aus diesem Song wird nie etwas.
Anstelle von renovieren und sanieren, lieber neu zu bauen. Egal wie viel Zeit
oder Geld man in irgendetwas steckt, man muss die Fähigkeit haben zu
erkennen, was nicht gut ist. Man muss aber beides lernen: Zufriedenheit auszuleben,
aber auch die Unzufriedenheit. Nur arbeite ich eben nicht ergebnisorientiert,
auch wenn wir in einer Gesellschaft leben, die genau diese Ergebnisorientiertheit
abfordert.
Nach
Aussagen Ihrer Familie haben Sie in den letzten Wochen der Produktion intensiver
als je zuvor gearbeitet?
MC:
Auch bei diesem Album gab es einen Moment, da waren andere schon sehr zufrieden,
aber ich wollte „Voyageur“ so nicht erscheinen lassen. Drei Lieder,
die jetzt das Album prägen, sind erst ganz am Schluss entstanden. Irgendwann
wusste ich, was ich noch alles zu ändern hatte, aber ich hatte nur doch
drei Wochen. Dank meiner Erfahrung war mir klar, was das bedeutet. Ich sagte
meiner Frau, dass ich ab sofort nur alle 48 Stunden maximal sechs Stunden
schlafen könne. Das war sogar für mich extrem.
Wie
kann man da noch klar und kreativ sein?
MC: Ich habe ein Bild dafür: Es ist so,
als hätte ich eine Spinne in mir, die auf Beute wartet, die sie sich
schnappen kann: einen Sound, eine inhaltliche Idee, eine Zeile … Und
das saugt sie auf.
Liegen
Genie und Wahnsinn da nicht dicht beieinander?
MC: Es ist ein Spagat – immer! Wenn
man als Zuhörer beginnt, am Produzenten in sich zu zweifeln, hat man
vor sich selbst ganz schlechte Karten.
Sie
sind auch ihr eigenes Publikum.
MC: Wenn bei einer so monopolistischen Stellung,
die ich bei dieser Platte ausübe, ein Ziegelstein nicht mehr solide ist,
stürzt alles zusammen. Das ist das Risiko. Und zum Glück auch die
Chance. Ich habe versucht, mir die Neutralität und die Objektivität
gegenüber meiner eigenen Arbeit so weit wie nur möglich zu bewahren.
Die
Hörer haben weltweit mit über 30 Millionen verkauften CDs das Urteil
über das ENIGMA-Gesamtwerk gefällt. Wie ist Ihr eigenes Fazit?
MC: Ich kann mir auch nach 13 Jahren –
und das soll was heißen, wenn man so selbstkritisch ist – nichts
vorwerfen. „MCMXC a.D.“ ist perfekt für die Zeit, in der
es entstanden ist, und ich könnte es unter den gleichen Voraussetzungen
heute nicht besser machen. Auch auf den nächsten Alben finde ich nicht
ein Stück, bei dem ich sagen würde: das überspringen wir mal.
Das ist unter dem künstlerischen Aspekt das Erstaunlichste für mich.
Die größte Motivation, ein Album gut hinzubekommen, ist, dass ich
mir danach nicht selber 40 Jahre mit Vorwürfen im Nacken sitzen möchte,
weil ich einmal unter meinem Level gearbeitet habe.
Es
gibt ein Grundgefühl auf den ersten vier Alben, das auch getragen wird
durch die Chöre, Mönche und Flöten. Sounds, die dieses Mal
fehlen.
MC:
Die plakativen Elemente fehlen. Aber ich wollte und musste mich davon trennen,
da ich es auch selbst nicht mehr hören mochte. Für diese Flöte
bräuchte es eine andere Stimmung, eine andere Musik.
Waren diese Sounds vielleicht auch Ballast?
MC: Wenn ich etwas hasse, dann ist es mich
zu kopieren. Und ich arrangiere und komponiere ja nicht nur. Ich spiele es
ja auch. Soll ich nach 10 Jahren die gleichen Instrumente nutzen? Da langweile
ich mich ja mit mir selbst.
Sie denken in Noten, hören Sie auch das im Kopf, was sie vorher
komponieren?
MC: Nein, so ist es nicht. Ich nutze nur sehr
oft mein klassisches Know-how. Bei bestimmten Tonart-Wechseln weiß ich
einfach, was richtig und was falsch ist. Das ist dann kein Zufall, sondern
berechnend. Ich „höre“ schon, dass dies passt. Auf dem Album
sind auch Dinge drauf, wie zum Beispiel, als mein Sohn ins Studio kam, und
ich ihn dann erschreckt habe. Das ergibt im Hintergrund eine Geräuschkulisse,
die ich dann auf der Spur belassen habe, weil sie passt.
Zwischenmenschliche
Zufälle auf Band sind doch etwas Neues …
MC: Das ist kein Zufall, sondern Mut. Ich
belasse nicht Sachen, weil sie eine freakige Idee sind, sondern weil sie gut
klingen. Ich mache mich über Musik nicht lustig, dazu nehme ich sie viel
zu ernst. Das ist für mich eine todernste Angelegenheit, weil sie mein
Leben ist.
Sie
sprechen und singen auf „Voyageur“ mehr als auf den ENIGMA-Vorgängern.
MC: Ursprünglich war es noch viel mehr.
Ich habe mich gefragt, auf was soll ich setzen? Samples habe ich keine, ich
habe nur mich. Also musste ich aus mir ein Instrument schaffen, welches das
Album hält.
Die
musikalische Ich-AG?
MC: Wenn man es so benennen will, ja. Das
Kriterium, wie, ob, warum und was ich tue, ist mein Urteil unter dem Aspekt
der Musikalität. Und ich bin ein hochmusikalischer Mensch. Wenn es mir
gefällt, ist allein das mein Entscheidungskriterium.
Die
Stimme ist ja das Intimste, was ein Mensch musikalisch bietet. Aber gleichzeitig
wird sie auch wieder zerstört, indem sie auf „Voyageur“ brutal
verzerrt und beinahe bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wird.
MC:
Ja, weil ich selber bei ENIGMA nicht einen Sänger hören will. Die
Stimme wird nur als Instrument eingesetzt, wie ein Sample: Sie soll wie ein
Extraterrestrischer klingen.
Aber
Ruth-Ann darf als Sängerin zweimal auch wiedererkennbar auf dem Album
singen.
MC: Selten habe ich eine Stimme gefunden,
die so gut zu ENIGMA passt. Wenn ich sie höre, dann höre ich eine
Fee. Sie singt, als würde sie schweben. Genau das brauche ich bei ENIGMA.
Sie hat ein irres Potential. Ich habe selten eine Stimme erlebt, die so sanft
und kommerziell ist und sich dazu perfekt für experimentelle Musik eignet.
Es
klingt, als würden Sie über lebende Instrumente sprechen.
MC: Bei ENIGMA darf es nie dazu kommen, dass
es personifiziert wird. Ob es der Mönch, die Flöte oder Ruth-Ann
ist. Das Wer ist völlig egal. Das sind Zutaten für das jeweilige
Gericht.
Sie
haben einmal gesagt, es sei das Wichtigste, Respekt vor der eigenen Arbeit
zu haben. Aber haben Sie auch Respekt vor anderen?
MC: Selbstverständlich. Ich freue mich
über jede abgedriftete Platte, die irgendwo ein Hit wird. Denn es ist
schön und wichtig, wenn es einem Song oder einem Album gelingt, die konservativen
und verkrusteten Strukturen zu passieren. Da drücke ich anderen die Daumen,
dass sie in den Charts steigen, so als würde ich daran Geld verdienen.
Leider sind solche Beispiele selten.
Aber
nach Hunderten von Gold- und Platin-Auszeichnungen müssen Sie sich doch
auch selber die Daumen drücken!?
MC: Natürlich erzeugt Erfolg auch eine
moralische Verantwortung, und das gegenüber Leuten, die ich nicht einmal
kenne. Diese Verantwortung habe ich gehabt und auch getragen. Und dann habe
ich gesagt: I have to go my own way. Und habe mich mental wieder zurückversetzt
in die Zeit, als ich die erste ENIGMA-LP gemacht habe. Die oberste Maxime
war: Es muss mir gefallen, danach kommt alles andere!
Nun
gibt es bei Ihnen Vergleichswerte; allein das erste Album hat sich bis heute
14 Millionen Mal verkauft.
MC:
Diese Vergleicherei muss ich mir abschminken. Ich halte „Voyageur“
für konkurrenzlos, weil es niemanden auf der ganzen Welt gibt, der solche
Musik macht. Riskant ist es, wenn es keinem gefällt … Aber unter
den 6 Milliarden Menschen wird es schon ein paar geben, die das mögen
werden.
Es gibt nicht das bekannte Gesicht hinter ENIGMA. Autogramme geben
dürfte Ihnen fremd sein. Macht es das für ENIGMA nicht schwerer?
MC: Im Gegenteil! Zum Glück ist das so.
Ich möchte auch unbekannt bleiben. Personenkult habe ich nie betrieben.
Wie
hoch ist der Erfolgsdruck, den Sie sich selbst gestellt haben?
MC: Natürlich erwarte ich, dass das Album
viel verkauft. Ich habe es ja nicht nur mit „MCMXC a.D“ bewiesen,
dass es geht. Mir geht es nicht darum, ob ich Nummer 1 oder Nummer 5 bin.
Aber natürlich ist Abverkauf der einzige Maßstab, ob man gut oder
schlecht gearbeitet hat. Und bisher war es so: Wenn ich richtig glücklich
mit mir war, habe ich immer gut verkauft. Ich brauche aber natürlich
auch mediale Unterstützung.
Seit
1988 leben Sie auf Ibiza. Hat der Ort etwas mit dem „Sound of ENIGMA“
zu tun, oder hätte der überall so entstehen können?
MC: Garantiert wäre ENIGMA nie an einem
Ort entstanden, wo ich von vielen Leuten umzingelt bin. Also niemals in einer
Stadt. Vielleicht hätte ENIGMA auch am Nordpol entstehen können.
Es muss ein Ort sein, der einen mit visuellen Reizen nicht überfordert.
Ich sehe Pinien und Meer. Punkt. Dadurch habe ich die Möglichkeit, mir
mental meine eigene Welt zu schaffen. Auf dieser Basis entsteht meine Musik.
Sie
arbeiten nur nachts, auch weil Sie da nicht so viel „sehen“ müssen?
MC: Für mich ist die Nacht nicht mit
Finsternis oder Düsternis gleichzustellen. Ich mag diese Stimmung extrem
gerne. Und wenn der Vollmond auf das Meer scheint, das dann schneeweiß
glitzert …, da sieht man eine Menge. Obwohl ich bei diesem Album auch
am Tage gearbeitet habe, aber eher, weil die Nacht schon vorbei war.
Hat
ENIGMA-Musik mit der Nacht zu tun?
MC:
Es ist eine Musik, bei der man die Augen schließen muss. Und dann kann
man auch gleich die Nacht nehmen. Es ist keine Musik, die man beim Bügeln
hört. Man kann es zwar, aber dann verpasst man drei Viertel. Aber sie
ist eben erst gut, wenn sie sich auch fürs Bügeln eignet.
Haben
Sie Träume, die aus Musik bestehen?
MC: Wenn ich schlafe, dann schlafe ich so
fest, dass ich nicht weiß, was ich träume. Ich schlafe eher aus
Erschöpfung und weniger aus Genuss.
Dafür
wirken Ihre Videos eher wie Träume.
MC: Natürlich, denn die ganze Musik ist
wie ein Traum. Regisseure reißen sich auch darum, für ENIGMA Videos
zu drehen, weil es einer der ganz wenigen Acts ist, bei denen sie selbst ihre
Träume ausleben dürfen.
Erschöpfungszustände
am Ende der ENIGMA-Produktionen sind bei Ihnen Usus.
MC: Und ich brauche Erschöpfung und Schlaflosigkeit
wie ein Sedativum. Aber es ist natürlich die Begeisterung und die Lust
am eigenen Tun, was mich wach hält. Die Nacht ist einfach meine Arbeitszeit.
Ist
das nicht ein sehr einsames Arbeiten?
MC: Wieso? Ich bin ein Einzelgänger und
ich werde als Einzelgänger sterben. Der Einzelgänger kann nicht
in der Masse Glück empfinden. Er empfindet sein Glück viel eher
in der Einsamkeit, im stillen Kämmerlein. So bin ich.
Geführt auf Ibiza im August 2003
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